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WIRZ, EDUARD St.Ursanne. Eine Legende. Für die Heimat Jurablätter von der Aare zum Rhein. Monatshefte für Kultur und Verkehrswerbung. 5. Jahrgang August 1943, Heft 8, S. 124-131 BJ 79:86 670 Die Geschichte, die ich hier erzählen will, streute ihre Kostbarkeiten aus in jener fernen Zeit, da in unserem Lande noch Heilige und Einsiedler wohnten und an Flüssen und Seen Städtchen aufblühten, wàhrend auf schroffen Hügelkuppen und Felsen die starken Häuser der Vornehmen wuchsen. Da konnte es geschehen, dass wer von langer Wanderschaft heimkehrte, unvermutet aus einem dunkeln Forst das helle Gemäuer eines Schlosses aufsteigen sah, oder dass er an der Biegung eines Wassers die bunte Zutraulichkeit eines kleinen Städtchens traf. - Durch das offene Himmelstor fuhr ein neckischer Aprilwirbel und schüttelte die Pflaumenbäumchen, die zunächst der Wiese standen, machte kehrt und trieb einen Blütenregen vor sich her ins Freie. Draussen fingen die weissen Blättchen an zu tanzen, trollten durcheinander, überschlugen sich und sanken dann langsam, nach- dem erst eins den Weg gewiesen, zur Erde. Maria, die Gottesmutter, die zu dieser Morgenstunde ihren Spaziergang machte, hatte den Flockentanz hinausjauchzen sehen. Jetzt trat sie unter das Tor, denn sie wunderte, welches Flecklein Erde der himmlische Blütenregen beglücken wür- de. Sie gewahrte unter sich langgezogene Bergrücken mit dunkeln Wäldern und sonnigen Wiesen. Da und dort leuchtete eine weisse Fluh aus dem Grün, und ein stiller Fluss floss durch ein enges Tal, das in den zierlichsten Windungen zwischen den Bergen durchlief. Das schwarzgrüne Wasser zog einen grossen Bogen und glitt weiter in die helle Ferne. An eben diesem Fluss liessen sich die Pflaumenblüten nieder, und es sah aus, wie wenn eine Schar weisser Tauben auf eine grüne Wiese fliegt. Maria trat in das Pförtnerstübchen, wo Sankt Peter über einem dicken Buche, dem Weltatlas, sass. Sie zog ihn ans Fenster, wies in die Tiefe und fragte nach dem Namen des Wassers. Ein Blättern und Suchen und schliesslich die Antwort: "Der Doubs". Wieder stand Maria in der Helle des Fensters. Und nach einer Weile: "Müsste da nicht ein Städtchen wunderschön zwischen den Bergen liegen, ein rotes Städtchen am grünen Fluss ?" "Ihr wolltet, hohe Frau ?" "Ja gewiss, und Ihr sollt mir helfen." Nachdenklich wiegte Petrus sein weisses Haupt. Ihm mochte dieser Plan etwas son- derbar vielleicht etwas gewagt vorkommen. "Sorgt Euch nicht, lieber Pförtner, ich übernehme jede Verantwortung, für drunten und - vor dem himmlischen Baumeister. Doch ohne Euch müsste ich verzichten." "Euer Wille geschehe, Herrin", antwortete St. Peter und winkte einem Engel, der vor dem Häuschen wartete, ihm einen Befehl zu erteilen. Der Diener verschwand ei- ligst und kehrte mit einem Gefährten zurück. Sie trugen einem Baukasten mit Stei- nen und Hölzern. Bogen und Säulen und den Spitzen, aus denen man die Dächer baut. Maria musterte den Inhalt und zeigte auf einige Steine, deren Kanten abgeschlif- fen, deren Ecken weggebrochen waren, und auf eine Säule, deren Rot einst mit der Glut einer Münsterscheibe mochte gewetteifert haben. "Wollt Ihr römische Paläste hinstellen oder ein schmiegsames Städtlein, wie es in die Waldtäler passt ?" lächelte Petrus. "Ihr habt recht, Meister, bestätigte Maria. "Beginnen wir". Zwei Engel, begleitet von einer ganzen Schar kleiner Baumeisterchen und Handlan- ger, trugen den himmlische Baukasten zur Erde und stellten ihn sorgfältig in das weiche Gras einer Uferwiese. Und nun begann ein lustig Bauen. Erst stellte Sankt Peter ein Tor hin und gab ihm Türe und Gitter. "Damit nur eintritt, wer eintreten darf". Damit schritt er als erster durch den Bogen, gefolgt von der Rotte seiner flinkfüssigen Helfer. Die Gottesmutter zögerte. Ihr schien das Tor zu hart, abweisend. Wie die Zähne eines Wolfes funkelten die Eisenspitzen des Fallgitters. "Das ist kein freund- lich Willkomm", sagte sie vor sich hin, und als sie unter den Bausteinen ein kleines Glockentürmchen entdeckte, ergriff sie es hurtig und stellte es auf das Dach des Tores. Das Glöcklein schlug an, und erstaunt sahen zwei Engelsbuben auf, die eben geschäftig ins Freie eilten. Maria blickte durch den Bogen. Schon stand eine Reihe Häuser, Schnurgerade war ihre Flucht. Das passte ihr nicht, und sie ging durch das Taubenflügelgeflatter der Engelstuben zu Sankt Peter, der eben den Platz zu einem neuen Gebäude an- wies. "Meister, nicht so gerade, so steif, dass man an einem Tor gleich das an- dere sieht. Das ist kein ergötzliches Wandern. Gebt der Strasse einen Bogen, so lockt sie, so ist sie reizender, so scheint sie voller Geheimnisse und Ueber- raschungen". Petrus willfahrte ihrem Wunsche und stellte den Bauplatz etwas zurück. Als der Abend mit seinem letzten Feuer über den Dachfirsten glühte, war die Stras- se fertig. Nur ein grosser Platz blieb frei. Dort sollte die Kirche stehen. An die wollte man sich erst zuletzt wagen. Am folgenden Tag bauten die Himmlischen die kurzen Seitengässchen, die eng und schmal von der Hauptstrasse wegliefen. Maria hatte unter den Bausteinen allerlei alte Bogen, hatte lateinische Inschriften und Jahreszahlen entdeckt. Vielleicht waren sie von einem früheren Bau übriggeblieben, leicht möglich auch - doch wer mochte das entscheiden. Genug, die Himmelskönigin freute sich, da und dort einen solchen Brocken anzubringen. "Es gibt so sonderbare Rätselrater unter den Mens- chen", erklärte sie Sankt Peter, der über ihn Tun staunte, "ich will ihnen auch etwas zu knacken geben". Da der Tag Miene machte, aus dem tannenschattigen Bergtal zu steigen, hielten Maria und Petrus ihre erste Umschau. Die Stadtmauern waren gezogen, zwei Tore ge- währten Einlass. Gass und Gässchen standen fertig, und mitten drin sang der gros- se Brunnen sein leises Lied. "Sputet euch, dass ihr heimkommt", schreckte Petrus die Engelstuben auf, die sich zu dieser Stunde damit vergnügten, in einem Treppenturm Schlitten zu fahren. Sie beinelten die Wendeltreppe hinauf, setzten sich auf das Geländer, fuhren los und schwirrten unten gleich Schwalben die Tür hinaus. "Sputet euch, morgen kommt das Hauptwerk". Der Plan war gezogen, die Grenzen der Mauern abgesteckt. Fröhlich wuchs die Kirche auf dem weiten Platz. Schon streckte der Turm sein Haupt über die steilen Dächer. Sankt Peter stand am Chor und setzte mit kundiger Hand schön gewölbte Rundbogen- fenster ein. Ihm schien es ausgemacht, dass eine Kirche nur dann eine würdige Woh- nung seines Herrn gebe, wenn sie in dem guten, soliden Stil der Alten geschaffen sei. Der neumodische, der da und dort auftauchte, passte ihm nicht. Dass ihm die Gottesmutter gewogen war, merkte er wohl, und er hätte ihr gerne ein kräftig Wort gesagt, sie solle sich mit dem losen Geflunker nicht einlassen, doch er mochte es mit der hohen Frau nicht verderben. Wahrhaftig, fügte sie nicht dort im Kreuzgang diese leichten barbarischen Spitzbogen ? Und zwei Seiten waren schon fertig. "Sie wird mit ihrem Bogengewirr noch in die Kirche kommen !" Die Engel erschraken ob der heftigen Gebärde ihres Führers, mit der er nun den Grundstein eines Strebe- pfeilers senkte. "Seid ihr mir nun ernstlich böse, Meister ? lächelt Maria voller Schalkheit, Sankt Peter sieht das flackernde Flämmlein in ihrem Augen. "Ich sollte wohl, aber ich darf nicht." Vom Turm tönt ein leises Singen, ihm folgt ein tiefes Summen, und es jubeln die Glocken zum erstenmal über das Städtchen, und die neue, die gewaltige Musik schlägt in den Wald hinauf, der ob dem Jauchzen und Dröhnen erstaunt aufhorcht. Die Engels- buben ziehen mit Eifer und ziehen zu früh, denn noch steht der Bau nicht vollendet. Es klafft sogar noch eine tüchtige Lücke. "Gewiss sollt ihr mir nicht böse sein", versichert die Jungfrau. "Seht, hier bleibt noch ein Hauptstück zu tun. Das soll ganz nach Euerm Willen geschehen, und ich will Euch nur der demütigste Helfer sein. Diese Pforte, lieber Pförtner, formt nach Eu- rem Sinn." "Ich danke hochedle Frau", entgegnet Petrus und geht ungesäumt ans Werk, und unter seinen Händen wächst das herrlichste Portal. Sechs Säulen locken zum Eintreten, sechs Säulen mit den wunderlichsten Köpfen. Maria mustert sie und staunt über den köstlichen Reichtum der Erfindung. "Nun wären wir so weit", klingt der tiefe Bass Sankt Peters in ihr Forschen. "Ihr seid wirklich fertig ?" Die Muttergottes tritt zurück und übersieht das Werk. Bund leuchten seine Farben aus dem bunten Stein. "Ein Mesiterstück, drum könnte Euch..." "...der Bischof von Basel beneiden", fällt ihr Petrus in die Rede und prüft mit einem letzten Blick seine Arbeit. Da stösst Maria einen Schrei aus, ein erstauntes Fragen. Ueber dem Portal sitzt zur Linken ihr Bildnis, sitzt die Himmelskönigin mit dem süssesten Kinde im Schoss. "Was soll denn das ?" "Mein Dank, liebe Frau." "Wahrhaftig, Ihr seid der liebste aller Meister", und sie tritt auf ihn zu und nimmt seinen weissen Kopf zwischen beide Hände und küsst ihn auf den Mund. Ein Sonnenstrahl trifft die bunten Scheiben des Gotteshauses. Es leuchtet und sprüht das Glas wie Gold und rote Rosen. Ueber eine Weile stieg Sankt Peter, gefolgt von der Schar seiner willigen Helfer, die unter der Last ihrer Steine schwitzten, die Felsen hinan. "Was wollt Ihr, Meister ?" rief Maria dem Kletternden nach. "Die Leute müssen doch ihren Herrn haben; ich bau ein Schloss, liebe Frau." "Vielleicht habt Ihr recht. Setzt Ihr ihnen den starken Vogt, ich will ihnen den milden Tröster geben, dem sie ihr Leid klagen könnten und der mit ihnen betet." Und sie suchte, wo sie eine Höhle fände, darinnen ein Einsiedler sein Haupt hinle- ge. Und als sie sie gefunden, baute sie auf dem Flecklein Erde davor ein Kappel- chen mit einer gar niedern Tür. Da zupfte ein Engelchen sie am Mantel: "Mutter, glaubt Ihr, dass hier ein Mensch eintreten kann?" Maria lächelte und tätschelte dem Kleinen die Wange: "Ein stolzer Steifnacker nicht, ein Sucher und Beter ge- wiss." - Schliesslich hing sie ob dem Eingang noch ein Glöcklein auf. "So wäre nun alles beieinander", sagte Maria zu Petrus, als sie heimkehrten, "jetzt können sie sogar ihren Heiligen haben, und was wäre ein altes Städtchen ohne einen Heiligen !" Als am andern Morgen der herrlichste Frühlingstag blaute, standen die beiden Bau- meister am Himmelsfenster und betrachten ihr Werk und freuten sich, wie sie in das Gewirr der Dächer und Türmchen hinunterblickten. Und Maria meinte voller Glück: "Könnte ich nicht im Himmel wohnen, ich wollte in dem Städtchen am Doubs mein Haus einrichten." "Ja, am Doubs", nickte Petrus, und beide sahen das blaugrüne Band an den Mauern vorbeiziehen. Und wie aus einem Munde riefen sie: "Die Brücke ! Wir haben ja die Brücke vergessen !" Es gab beinahe ein Revolutiönchen unter den Engelsbuben, so sehr trieb sie der Meister zur Eile. Erst wurde ein Loch in die Stadtmauer gebrochen und ein Tor hineingestellt. Dann schlugen sie den ersten Bogen. Das Wasser riss ihn fort. "Stärker gebaut, Kin- der", gebot Sankt Peter. Und vier Bogen wurden jetzt gewölbt, stark, solid, wie Fels. Maria hatte schon längst nach einem Heiligen gesucht. Sie fand ihn und stellte ihn auf die Brüstung. "Da steh', lieber Nepomuk, und hüt mir meine Brücke gut." Sie sah über das Geländer in das Wasser. Drin standen ruhig hellschimmernde Fischlein wie Perlen im schwarzen Sammet. Plötzlich schossen sie auseinander. Ei- nige Engelsbuben waren auf das Geländer geklettert, andere suchten sie hinunter- zustossen. Da gab es ein Kreischen, und das Silbergeflatter der Flügel schreckte die kleinen Tierchen. "Feierabend", gebot Sankt Peter, und alle folgten dem himmlischen Pförtner. In den nächsten Tagen schickte die Muttergottes Boten in alle Dörfer im Lande in die Hütten und Häuser der Armen und Unfreien. Darauf begann ein seltsam Wandern. Wie die Bächlein sich zum Flusse scharen, so zogen von allen Seiten kleinere und grössere Trüppchen zu dem neuen Städtchen am Doubs. Das war im Frühling. Als die Sonne klar une heiss über den Bergen brannte, sass hinter den kühlen Mau- ern das glücklichste Völklein. Der Herbst kam, und die roten und gelben Wälder glühten wie Fakeln; da standen ei- nes Tages die beiden Baumeister wieder am Himmelsfenster und schauten auf das Städtchen hinunter. Auf einmal deutete Maria auf einen kleinen Reiterzug, der sich rasch dem untern Tore näherte. Die beiden Beobachter unterschieden einige vornehme Herren und Ritter, um einen Fürsten geschart. Jetzt erkannte Petrus das flatternde Fähnlein mit dem roten Stab. "Der Bischof von Basel." "Ein grosser Herr ?" "Ein grossmächtiger, Herr." Der Zug hielt vor Städtchen und Tor. Man sah ein heftiges Händewerfen. Deuten und Wundern. Schliesslich sprengte auf des Bischofs Wink aus den hintersten Reihen ein junger Mann vor. Es mochte ein Scholar oder Künstler sein, der in des Herrn Gnade stand. Der Bischof sprach einige Worte und wies auf den Torbogen. Da langte der Schüler ein Farbtöpfchen aus dem Wams, zog einen langstieligen Pinsel hervor, stand in die Bügel und malte auf den Schlusstein des Bogens. "Was gibt's ?" Unserer lieben Frau braungoldenes Haar steckte hart neben dem weissen des Pfört- ners. "Das nenn' ich prompt, wirklich prompt." Jetzt sah Maria, dass über dem Tor der rote Stab leuchtete. Der Zug setzte sich wieder in Bewegung und ritt durch die enge Gasse und das sie säumende Volk. Auf dem Platz vor der Kirche stiegen die Herren ab und schritten, der Bischof an der Spitze, durch das Portal, das der erschrockene Mesmer im let- zten Augenblick aufgerissen hatte. Nun hörten die Himmlischen das Läuten aller Glocken. Nach einer Weile traten die Herrschaften aus der Kirche, und der Bischof segnete alles Volk, das auf dem Platz kniete. Ein Bürger trat auf ihn zu, seines Zeichens Gemeinderat oder Wirt, redete und zeigte immer wieder auf das Haus, das der Kir- che gegenüberstand und über dessen Tür ein goldener Schlüssel im Abendwind leicht hin und her schauckelte. Hinter dem Rücken des Bischofs hatte sich ein heftiger Disput erhoben. Einige Herren des Gefolges, junge Kleriker und gelehrte Schreiber hatten bei dem flüch- tigen Besuch der Kirche wohl gemerkt, dass ihr Stil, wie sie zu sagen pflegten, nicht rein war. Ein ganz Pfiffiger hatte auch die Frage aufgeworfen, ob das Müns- ter zu Basel oder das Kirchlein dieser Stadt älter wären, ob die Galluspforte... Er kam nicht weiter. Denn alsbald begann ein spitzes Silbenstechen und Lanzenwer- fen zwischen den geistlichen Herren. Maria und Petrus sahen die Erregung wohl, aber im Lärm und Summen des Volkes er- trank der Streit; nur einzelne Worte spritzten aus den Wogen der Unterhaltung auf und sprühten über dem Wasser. Die fingen die Lauscher auf und lachten ver- gnüglich, als sie die glänzende Kette aneinanderknüpften: Rundbogen und Spitzbo- gen, Säulen und Sprossen, Rippen und Krappen. "Seht Ihr jetzt", perlte das muntere Lachen der Gottesmutter, "sie raten". Petrus nickte schmunzelnd und wies dann plötzlich in die Tiefe. Drunten war der Bischof von Basel auf den Streit aufmerksam geworden. Er hörte ei- nem müsssigen UAgenblick lang dem kecken Wortspiel zu, dann wollte er abmahnen, denn er merkte wohl, dass das Volk den gelehrten Streit nicht verstand und ihne als gehässiges Gezänke sich erklärte. Er legte eben seine Rechte auf die Schulter des Hauptrufers, da platschte urplötzlich ein solch kräftiger Regen nieder, dass alles aufschrie, auseinanderfuhr und flüchtete. Die Bürger eilten ihre Häusere, die Herren rannten über den Platz, dort wo der Schlüssel winkte. - Als der Mesmer die Pforte wieder öffnete und auf den Platz sah, fand er ihn leer, ganz leer. Nur der Brunnen plätscherte, und die beiden letzten Sonnenstrahlen kringelten über sein Wasser. Was war geschehen ? Ein Engelsbube, der an diesem Abend die Himmelswiese aus seiner silbernen Giess- kanne zu tränken hatte, war auf das neugierige Wundern des hohen Paares aufmerk- sam geworden. Er schlich und suchte, ob ihm am Pförtenrfenster noch ein Spalt blieb, durch den er seinen Krauskopf stecken konnte. Es war unmöglich. Neben der zierlichen Gestalt der Gottesmutter wuchteten, den Rahmen füllend, die breiten Schultern seines Meisters. Betrübt schlich der Kleine weg zu seiner Arbeit. Doch als er in er Nähe der Türe stand, kam ihm der Gedanke. Er stellte die Kanne nie- der, zog mit aller Kraft den schweren Riegel zurück und sah sich am Ziel seines Wunsches. Da, wohl, als er vorschnell unter die Oeffnung treten wollte, stiess er an die Kanne. Sie kippte. Mit Mühe konnte er sie vor dem gänzlichen Fall bewahren. Aber ein Guss war draussen. Noch funkelten einige Tropfen an der Schwelle, als der Unglückliche hastig das Tor schloss. "Geh, toll dich und schau, was du angestellt hast", wies ihn Petrus zurecht. Der Gescholtene flügelte eiligst davon, froh, dass die Strafe nicht härter bemessen war. Nach einer Viertelstunde kehrte er wieder. "Berichte !" Und nun erzählte das Bübchen, dass im grossen Saale des "Schlüssels" ein mächtig Tafeln begonnen hätte, dass der Wirt und seine Leute Berge von Forellen auftrügen, und dass es aus Kannen und Bechern gar lieblich dufte. Alle sprächen den Dingen wacker zu, nur unten am Tische sässen zwei, die kaum ein Schwänzlein berührt hätten. "Sie sitzen da, ein Pergament zwischen sich, reden aufeinander los, und ab und zu fährt der eine wie wild mit seinem Kiel über die Haut und kratzt eine krause Linie. Dann gerät der andere darüber und stichelt seinen Bogen." "Da habt Ihr es, hohe Frau", verwies Petrus vergnügt die Gottesmutter, die neben ihm am abenddunkeln Fenster standm "hättet Ihr mir gehorcht, die Armen stritten sich jetzt nicht um diesen Bau und liessen die Knusperigkeiten unberührt." Jetzt entschlüpfte Maria ein silbernes Lachen, das klingelte in die Nacht hinaus und blieb irgendwo im weiten Weltenraum als funkelndes Sternlein hangen.
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